Begegnung mit Julie und Leslie Lipp-Nathaniel

- 30.05.2025 - 

Geboren wurde Julie Lipp in Kerala als Tochter des Missionarsehepaars der Basler Mission Richard und Margarethe Lipp. Erst mit 9 Jahren hat sie zum ersten Mal deutschen Boden betreten und ihre „fremde“ Heimat kennenzulernen begonnen. 
Inzwischen lebt sie – Julie Lipp-Nathaniel - seit vielen Jahren mit ihrem Ehemann Leslie Nathaniel in Süßen und kennt sich bestens in Deutschland und in Indien aus – vor allem dort, wo heute unsere Partnerdiözese Malabar ist. In Menzingen waren beide jetzt zu Gast. 

„Meine erste Muttersprache war das Schwäbische“ erzählte Julie Lipp-Nathaniel, „und meine zweite Malayalam, dann kam noch Englisch dazu, und Hochdeutsch musste ich auch lernen. Zuhause haben wir Schwäbisch gesprochen. Aber mit den Kindern aus der Nachbarshaft immer Malayalam. Und am Mittagstisch haben wir Geschwister immer so wenig wie möglich gegessen, weil wir anschließend in die Küche gegangen sind, um mit unseren indischen Freundinnen und Freunden zu essen. Die haben zwar das gleiche Gericht gegessen – aber viel schärfer gewürzt, und wir haben das geliebt.“ 
 
Auch die Frage nach der Identität hat Julie Lipp-Nathaniel bewegt: „In Indien waren wir die Kinder von den deutschen Missionaren, in Deutschland waren wir die Indien - Kinder.“
 
Ausführlich hat sie uns vom Leben ihres Vaters, Richard Lipp, erzählt, dessen größter Wunsch es war, als Missionar der Basler Mission nach Indien zu gehen. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges ging sein Wunsch in Erfüllung. Seine Ehefrau Margarethe wurde als Missionsbraut vom Leiter der Missionsgesellschaft ausgesucht – heute unvorstellbar. Sie reiste voller Vertrauen nach Indien, um dort Richard Lipp zu ehelichen, den sie überhaupt nicht kannte. Aber die beiden sind glücklich geworden und haben segensreich gewirkt. 
Anders als die meisten anderen Missionare wurden Richard und Margarethe Lipp nach dem Krieg nicht nach Europa zurückbeordert, weil klar war, dass sie ideologisch nichts mit der Nazi-Diktatur zu schaffen gehabt hatten. So konnte das Ehepaar 15 Jahre am Stück in Kerala, auf dem Gebiet unserer heutigen Partnerdiözese Malabar, bleiben. Ihr besonderes Anliegen war die Verkündigung der guten Botschaft unseres Heilandes unter den sogenannten „Unberührbaren“, den Menschen, die kastenlos sind und dadurch am untersten Rand der Gesellschaft standen. Ihnen verkündigte Richard Lipp zunächst als Pastor die befreiende Botschaft, dass sie genauso Gottes geliebte Kinder sind wie diejenigen, die an der Spitze des Gesellschaftssystems standen.
 
1947 schlossen sich die vielen evangelischen Kirchen im Süden Indiens zur CSI, der Church of South India, zusammen, ein Ereignis, das als zweites Pfingstgeschehen in die Geschichte eingegangen ist. Denn zum ersten Mal konnten Congregationalisten, Anglikaner, Basler Missions - Angehörige, eher lutherisch und eher reformiert geprägte Christinnen und Christen gemeinsam Abendmahl feiern und gemeinsam Gemeinde sein.
Über viele Dinge musste man sich einigen; u.a. auch darüber, wie die Struktur der CSI aussehen sollte und ob es ein leitendes Amt geben solle.
1953 wurde der Missionar Richard Lipp von den Mitgliedern der kirchenleitenden Gremien zum Bischof gewählt.
Er war ein nahbarer Bischof, stets ganz nah dran an den Menschen, und blieb auch als Bischof Missionar.
Er hatte auch als Bischof immer noch die Ärmsten im Blick, ein Resultat war die Gründung der Kindernothilfe, die heute großes Ansehen besitzt und weltweit für Kinder in Not wirkt.
1959 trat er vom Bischofsamt zurück, weil er der Meinung war, dass inzwischen mehr als genug indische Geistliche ausgebildet worden waren, die das Amt eines Bischofs in Indien ausfüllen können.
 
Für Richard Lipp folgten weitere spannende Stationen, kurzzeitig auch in Australien, schlussendlich aber hatte er Sehnsucht nach seinem Kerala und wirkte bis zu seinem Ruhestand als Geistlicher in Gemeinden dort.
Das Ehepaar Lipp verbrachte seinen Ruhestand in der alten Heimat im Schwabenland. Aber bis ins hohe Alter sagte Richard Lipp: „Ich würde heute noch zu Fuß nach Kerala laufen, wenn ich es noch könnte.“
 
Vor 10 Jahren wurde die Diözese Kerala geteilt, weil sie zu groß geworden war. Der nördliche Teil der ehemaligen Diözese heißt nun Malabar und ist unsere Partnerdiözese.
 
Wir danken Julie Lipp für spannende und sehr persönliche Einblicke in ihr Leben und das ihrer Eltern, und wir danken Leslie Nathaniel, dem Erzdiakon der anglikanischen Kirche für Deutschland und Osteuropa, der seine Frau an diesem Abend begleitet und seine ganz persönlichen Erinnerungen an seinen Schwiegervater hat einfließen lassen.
 
Stefanie Nuss
 
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Ansprechperson

Stefanie Nuß

Pfarrerin