Predigt über Johannes von Gott

- 29.09.2026 - 

von Pfarrerin und Klinikseelsorgerin Andrea Kampschröer

Predigt über einen in der Bruchsaler Klinikkapelle abgebildeten Heiligen, gehalten im Zusammenhang des „Tages des offenen Denkmals“
 
Liebe Gemeinde, 
der Apostel Paulus nennt alle, die zur christlichen Gemeinde gehören, „Heilige“. Dass 
viele Christinnen und Christen oft nur sehr bedingt ein rundum heiliges Leben führen, 
das hat Paulus schon bei sich selbst und später bei vielen Konflikten in seinen 
neugegründeten Gemeinden erfahren.

Trotzdem bleibt er dabei: Wer zu Jesus Christus gehört, an dessen Leben soll man das auch irgendwie erkennen können. Wie – dazu gibt er auch einige Tipps. Z.B. in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 12. Kapitel (Röm 12,3.13-15): 

Bei der Gnade, die Gott mir geschenkt hat, sage ich jedem Einzelnen von euch: Überschätzt euch nicht und traut euch nicht mehr zu, als angemessen ist. Strebt lieber nach nüchterner Selbsteinschätzung. Und zwar jeder so, wie Gott es für ihn bestimmt hat – und wie es dem Maßstab des Glaubens entspricht. 
Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind. 
Seid jederzeit gastfreundlich. 
Segnet die Menschen, die euch verfolgen. Segnet sie und verflucht sie nicht. 
Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden. 

Liebe Gemeinde, 
ob das mit der richtigen Selbsteinschätzung bei dem Heiligen, um den es heute gehen soll, geklappt hat? Fast vier Jahrzehnte seines Lebens sah es ganz anders aus. Um wen es geht? 
Seit drei Jahren halte ich hier in der Bruchsaler Klinikkapelle Gottesdienst. Und immer, wenn ich vorne auf meinem Platz sitze, habe ich im Fenster rechts vom Hochaltar einen Heiligen vor Augen. Sein Name, der ihm da zu Füßen steht, kam mir von Anfang an seltsam vor. Zuerst dachte ich, es heißt „Johannes von Golt“. Aber als ich anfing, mich mit ihm zu beschäftigen, erfuhr ich: Es handelt sich um den Heiligen „Johannes von Gott“, auch Spanisch „Juan de Dios“, auf Portugiesisch „Joao di Dios“ oder so ähnlich. 
Dass ein Heiliger die Kraft zu einem heiligen Leben „von Gott“ bekommt, kann ich nachvollziehen.
Bei Wikipedia¹ fand ich eine andere Erklärung des sonderbaren Namens: Nach traditioneller Überlieferung wurde Joao Cidade 1495 in einer kleinen portugiesischen Stadt südlich von Lissabon geboren. Seine Eltern sind unbekannt. 
Neuere Forschungen weisen allerdings darauf hin, dass er in Wirklichkeit aus der toledischen Gemeinde Casarrubios de Monte stammte und seine Eltern (oder seine Mutter allein) mit dem Säugling nach Portugal flohen, möglicherweise, weil sie Juden waren und Kastilien infolge des Alhambra-Ediktes verlassen mussten. 
Möglicherweise erhielt er schon sehr früh den für elternlose Findelkinder üblichen Beinamen „de Dios“, „von Gott“. 
Johannes von Gott, ein möglicherweise jüdisches Flüchtlingskind, entwurzelt, hin- und hergetrieben von den Machtverhältnissen seiner Zeit. Nach meinem laienhaften psychologischen Verständnis passt das zu dem ruhelosen Leben eines Getriebenen, von dem verschiedene Quellen übereinstimmend berichten. Mit acht Jahren tauchte er allein in Oropesa bei Toledo auf, wo er im Haushalt eines herzoglichen Verwalters Aufnahme fand. Er arbeitete als kindlicher Handlanger, wurde dann Hirte – und später Soldat im Heer Kaiser Karls V.. An vielen verschiedenen Orten ist er gewesen, mit unterschiedlichen Tätigkeiten. Ich lese von Wien, Barcelona, Genua, vom Gardasee, von Innsbruck, Linz, Santiago de Compostela, Sevilla, Gibraltar und sogar von Ceuta in Afrika, von dem die meisten von uns vermutlich in diesen Tagen wegen des plötzlichen Flüchtlingsruns zum ersten Mal gehört haben. Irgendwo schuftete er bei einem Festungsbau, bevor er 1533 in Granada für einige Jahre lang eine Buchhandlung führte.  
Was wir 500 Jahre nach Johannes von Gott über seine ersten 40 Lebensjahre wissen, hat wenig Heiligenmäßiges. „Strebt nach nüchterner Selbsteinschätzung“, schreibt Paulus. „Und zwar so, wie Gott es für jeden bestimmt hat – und wie es dem Maßstab des Glaubens entspricht.“ Für mich sehen die ersten Lebensjahrzehnte des Johannes von Gott eher nach rastloser Suche als nach nüchterner Selbsteinschätzung aus. 
In meinem Beruf als Pfarrerin begegnen mir immer wieder Menschen, die über ihre Kindheit nur wenig wissen, und solche, die früh schwere seelische Verletzungen erfahren haben. Und oft ist die Folge davon ein innerlich und oft auch äußerlich unstetes Leben, ständig auf der Suche nach dem eigenen Ich und nach dem, was man mit dem eigenen Leben anfangen kann und soll. Bei manchen scheint es ganz logisch, dass sie in einer Sucht, in der Psychiatrie oder im Gefängnis landen. 
Von Johannes von Gott wird erzählt, dass er im Jahr 1539 eine eindrucksvolle Predigt des  berühmten Predigers Johannes von Avila hörte. Daraufhin hat er alles, was er bis dahin war und hatte, aufgegeben und verschenkt. Möglicherweise mit Aufsehen erregendem Getöse. Auf jeden Fall erklärte man ihn für verrückt und steckte ihn ins königliche Hospital. Dort erfuhr er die Folter-ähnlichen Metholden, die Kranke und besonders psychisch Kranke über sich ergehen lassen mussten, am eigenen Leib. 
Es sieht so aus, als sei diese Erfahrung, verbunden mit der gehörten Predigt-Botschaft, der Wendepunkt im Leben des Johannes von Gott gewesen. Sicher ist, dass er, nachdem er aus dem Hospital entlassen war, anfing, in Grenada Kranke zu pflegen, die er auf der Straße aufgelesen hatte, ähnlich wie im 20. Jahrhundert Mutter Teresa in Indien. Anfangs hielten die Menschen Juan de Dios weiterhin für irre. 
Aber nach und nach erregte er positives Aufsehen und seine Arbeit wurde mehr und mehr geachtet und unterstützt. Bald konnte Juan in einem gemieteten Haus seine Vorstellungen von einer guten Krankenpflege verwirklichen: Die Kranken wurden nach Krankheiten voneinander getrennt, bekamen je ein eigenes Bett und manchmal auch ärztliche Behandlung. Juan de Dios hatte selbst wenig medizinische Expertise, war aber der Meinung, dass man die Kranken auf neue Weise behandeln sollte, indem man ihnen zuhört und ihre Bedürfnisse auf verschiedenen Ebenen erfüllt.  
Abends ging Johannes von Gott durch die Straßen von Grenada mit dem Ruf „Tut Gutes, Brüder“ uns sammelte so Essenreste und Geld. Das war lange vor jeder Kranken- und Pflegeversicherung und vor der Einrichtung von Tafeln. Und doch wurde das, was Juan de Dios tat, so nach und nach zu einer Institution, und zwar zu einer, die als Paradebeispiel dienen kann für das, was Jesus von seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern erwartet. Nämlich sich mit der von Gott anvertrauten je eigenen Kraft den geringsten Schwestern und Brüdern zuzuwenden. 
Johannes von Gott kümmerte sich auch um ausgesetzte Kinder. Und genauso wie Jesus selbst hatte er auch die hilfebedürftigen Schwestern im Blick. Er versuchte, Prostituierte freizukaufen und sie zu verheiraten oder Arbeit für sie zu finden. 
So nach und nach schlossen sich Johannes Mitstreiter an. Über das, was sie taten, könnte man noch lange erzählen. Am 8. März 1550 starb Juan de Dios an den Folgen einer Erkältung, die er sich bei einer versuchten winterlichen Rettungsaktion bei einem Hochwasser zugezogen hatte.
45 Jahre nach seinem Tod entstand nach seinen Lehren der Krankenpflegeorden der „Barmherzigen Brüder des Johannes von Gott“. 1630 wurde Juan selig- und 1690 heiliggesprochen. 1775 komponierte Joseph Haydn eine Messe für den Orden der Barmherzigen Brüder. Ein Jahr später, 1776, übernahmen acht Ordensbrüder die Krankenpflege im neu eingerichteten Spital hier in Bruchsal und versahen sie bis 1812, bis der letzte dieser Brüder starb. 
So also ist Johannes von Gott hier in die Bruchsaler Klinikkapelle gekommen. Ich hätte es passender gefunden, wenn man ihn gemeinsam mit den Menschen, denen er sich zuwandte, dargestellt hätte.  
Jetzt, wo ich mehr über ihn weiß, bin ich froh über sein Verständnis von ganzheitlicher Fürsorge, zu der das Zuhören genauso gehört wie die ärztliche und die pflegerische Kunst. Er macht mir mit seinem Beispiel Mut, dass Menschen mit Gottes Hilfe hinausfinden können aus den Wirrungen eines unsteten Lebens mit dunkler Kindheit und hineinfinden können in ein Leben, das dem Vorbild Jesu Christi und den eigenen Kräften und Fähigkeiten entspricht. Mit Jesus, mit Paulus, mit Juan de Dios, mit Mutter Teresa und mit den Heiligen und guten Vorbildern, die unser ganz persönliches Leben bis hierher prägten, kann jede und jeder von uns der eigenen Weg finden und dabei denen beistehen, die uns brauchen.
Amen. 

¹ Vgl. Wikipedia, Johannes von Gott, https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_von_Gott 
(abgerufen am 17.09.2026). [de.wikipedia.org]